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Flieger der Woche

Leutnant Sigurd Christomannos

von Nikolaus Hagen.

Sigurd Theo[dor] Christomannos (auch: Christomanos)[1], geboren 1896 in Innsbruck und heimatzuständig nach Meran, stammte aus einer bekannten griechisch-österreichischen Familie mit Verbindungen zum Kaiserhaus. Ein Großcousin, der Historiker Constantin Christomanos, war Griechisch-Lehrer der Kaiserin Elisabeth;[2] ein Großonkel, der Chemiker Anastasios Christomanos, war ein europaweit bekannter Professor der Athener Universität.

Sein Vater war der Rechtsanwalt Theodor Christomannos, ein gebürtiger Wiener (1854–1911). Dieser hatte an der Universität Innsbruck studiert und war dort als deutschliberaler Studentenführer geradezu berüchtigt. Unter anderem war er Senior des Corps „Gothia“ und Mitglied des Akademischen Gesangsvereins. Nach seinem Studium arbeitete Christomannos als Rechtsanwaltsanwärter in Meran. Die katholisch-antisemitische Zeitung Das Vaterland charakterisierte ihn 1888 als

„[…] junge[n] Advocatursconcipient von Meran, Dr. Theodor Christomannos (geboren in Wien, zuständig in Macedonien, griechisch-orientalischer Religion), der bisher nur durch sein flottes Studentenleben und seine ‚Schmisse‘ berühmt war […]“

(Hervorhebung im Original) und als „orientalische[n] Doctor“. In Tirol – insbesondere in Südtirol – wurde Christomannos in Folge als Fremdenverkehrspionier sehr bekannt. Unter anderem setzte er sich mit seinen Partnern für den Bau von alpinen Grand Hotels in Sulden, Trafoi und am Karersee ein. Schließlich wurde er auch Tiroler Landtagsabgeordneter.

Privat erarbeitete sich Theodor Christommanos einen Ruf als Frauenheld, der zahlreiche uneheliche Kinder mit unterschiedlichen Frauen zeugte. Eine Figur in Arthur Schnitzlers Tragikomödie „Das weite Land“ (1911) war Christomannos nachempfunden. Über diesen „Doktor von Aigner“ ließ Schnitzler eine andere Figur aussprechen:

„Die neuen Dolomitenstraßen wären ohne ihn nie gebaut worden. Und diese Riesenhotels und die Automobilverbindungen, eigentlich alles sein Werk! Und nebstbei hat er in jedem Tiroler Dorf mindestens ein Kind. Auch außerhalb seines Wahlkreises.“[3]

Eines der Kinder war Sigurd Christomannos. Am 6. Jänner 1896 kam er als „Alois Theodor Sigurt“ in Innsbruck zur Welt und wurde in der Pfarre St. Jakob katholisch getauft. Die Mutter war Aloysia Wellzensohn. Das Taufbuch vermerkte die uneheliche Geburt und die Vaterschaft. Später wurde die Anmerkung hinzugefügt: „Der Familiename des Kindesvaters und sohin seines Kindes lautet richtig: ‚Christomannos‘, vorgemerkt zufolge Erlaß der k.k. Statthalterei v. 5. Dezember 1913.“[4] Der Vater heiratete 1909 Franziska Lutz, mit der zuvor ebenfalls zwei uneheliche Kinder gezeugt hatte. Sigurd Christomannos dürfte sie wohl als Stiefmutter angesehen haben; vielleicht hatte sie ihn auch adoptiert. In den Unterlagen der k.u.k. Armee ist sie als nächste Angehörige verzeichnet und in einem Bericht über ihr Begräbnis im Jahr 1936 hieß es: „Unter den Angehörigen war auch der älteste Sohn Sigurd aus Felden in Kärnten zum Leichenbegängnis seiner Mutter nach Merano gekommen“.[5]

Laut seiner Offizierskarte besuchte Sigurd oder Theo Christomannos – beide Varianten finden sich in den Armeeunterlagen – das Gymnasium, wohl in Meran, und sprach neben Deutsch auch noch „notdürftig“ Italienisch.[6] Im Jahr des Kriegsbeginns 1914 kam er als damals 18-Jähriger zum Gebirgsartillerieregiment Nr. 8. Er wurde 1916 als Kadett verwundet und kam im Mai in ein Spital nach Innsbruck.[7] Am 1. November 1917 wurde er zum Leutnant der Reserve befördert.

Ende Jänner 1918 wurde Christomannos zum Februar-Kurs bei der Flosch eingeteilt und als Beobachter ausgebildet. Anschließend kam er zum Koluft der 11. Armee, die an der Italienfront eingesetzt war, wo er – laut Offizierskarte – bis 8. Juli 1918 blieb. Am 23. Juli 1918 wurde er als Beobachteroffizier zur Flik 31 transferiert.[8] Diese Fliegerkompagnie war Ende Juni aus Siebenbürgen an die Italienfront verlegt worden. Bereits nach zwei Tagen, am 25. Juli, wurde Christomannos zur Flik 39 versetzt und am 28. August weiter zur Flik 10. Aus dem Personalakt geht hervor, dass er bei der Flik 39 keinen einzigen Flug absolvierte – von der Flik 31 gibt es keinen Aufzeichnungen. Aus demselben Monat Juli gibt es allerdings schon ein Verzeichnis seiner Flüge bei der Flik 10. Am 19. Juli und am 29. Juli absolvierte er demnach zwei Flüge von Gardolo aus. Bei Veinfurter ist ein Zugang zur Flik 10 – per Luftpost angekündigt – bereits mit 8. Juli verzeichnet, was insofern plausibeler als die Angabe in der Offizierskarte erscheint. Offenbar hinkten die offiziellen Transfers zu diesem Zeitpunkt längst der Realität hinterher. Im August 1918 wurde er zum XIX. Korpskommando versetzt, im September 1918 zur Flik 64. Aufzeichnungen über Flüge existieren keine mehr.

Nach dem Krieg lebte Sigurd Theodor Christomannos in Kärnten, wo er als Rechtsanwalt und Notar tätig war.


[1] In den Akten der k.u.k. Armee, ebenso wie in zahlreichen Berichten und Abhandlungen über seinen Vater Theodor, finden sich sowohl die Schreibweise Christomanos als auch Christomannos.

[2] ÖBL 1815–1950, Bd. 1 (Lfg. 2, 1954), S. 147.

[3] Arthur Schnitzler, Die Dramatischen Werke. Band 2, Frankfurt a. M. 1962, S. 223.

[4] TLA, Matriken, Pfarre Innsbruck-St. Jakob, Taufbuch 1876–1897, fol. 428.

[5] Dolomiten, 17.10.1936, S. 4.

[6] ÖStA, KA, LFT Offizierskartothek, Sigurd Christomannos.

[7] Neue Tiroler Stimmen, 6.5.1916, S. 3; Tiroler Volksbote, 10.5.1916, S. 10.

[8] Laut Veinfurter bereits am 6.6.1918. Veinfurter, Fliegendes Personal, 135.